SAG ES – Formel

Sprechen Sie Konflikte an?

Konflikte zu identifizieren ist die eine Sache, diese dann auch zeitnah anzusprechen jedoch eine ganz andere Aufgabe …

So schwer es uns manchmal auch fallen mag, ein erkannter Konflikt kann nur konstruktiv bearbeitet werden, wenn allen Beteiligten deutlich wird, was da gerade geschieht. Das Bewusstsein sich in einer Konfliktsituation zu befinden, unabhängig davon welche Person oder Personen für dessen Initiierung oder Eskalation verantwortlich sein könnten, geht es bei einer konstruktiven Konfliktbearbeitung zunächst einmal darum, den betroffenen Menschen deutlich zu machen, dass aktuell ein emotionales Ungleichgewicht für Unruhe sorgt.

Die Auswirkungen sind ab einem bestimmten Eskalationsgrad deutlich erkennbar. Zur Identifizierung können die 9-Stufen der Konflikteskalation nach Friedrich Glasl, die wir bereits in einem vorherigen BLOG-Beitrag vorgestellt haben, sehr hilfreich sein.

Ist also ein Konflikt erst einmal da und stört das gemeinsame Miteinander gilt es rasch zu handeln. Sie müssen sich also outen und somit den ersten Schritt machen. Der ist ja bekanntlich oftmals der Schwierigste. Um Ihnen bei dieser Herausforderung die Ansprache des Konflikts zu erleichtern, möchte ich Ihnen mit dem heutigen Beitrag ein Werkzeug vorstellen, welches in der Praxis bereits häufig gut gepasst hat.

SAG ES – Formel

Die SAG ES – Formel begleitet Sie bei der Ansprache in konfliktreichen Situationen und führt Sie Schritt für Schritt näher an die emotionale Welt der Konfliktbeteiligten. Sie können die Formal als eine Anleitung zur Ansprache von Konflikten verstehen.

Was ist zum Start der Ansprache zunächst zu beachten?

Schaffen Sie einen passenden Rahmen, um die Gesprächssituationen nicht nur gut vorbereitet, sondern auch möglichst angenehm eingebettet zu wissen. Dazu laden Sie die Konfliktbeteiligten in einen „Gesprächsraum“, der losgelöst ist, von der Konfliktsituation. Sollte also ein Konflikt in einem bestimmten Meetingraum eskaliert sein, weichen Sie diesem Raum aus. Nutzen Sie einen Ort, der neutral und im besten Fall mit angenehmen Erinnerungen verknüpft ist. Vielleicht weil Sie dort ein besonderes gemeinsames Erlebnis hatten oder vielleicht dort häufig gute Gespräche geführt wurden. Steht der Ort fest und haben Sie Ihre „Einladung“ ausgesprochen, vergegenwärtigen Sie sich worauf es bei dem Gespräch ankommt. Sie kennen das Sprichwort, „der Ton macht die Musik“? Fein, dann sehen Sie bitte die konstruktive Ansprache des Konflikts als eine Sinfonie an. Der Ton gibt zwar einen Takt vor, doch das Orchester will gut vorbereitet sein.

Mein Vorschlag für ein paar grundsätzliche Verhaltensweisen …

Machen Sie sich bewusst, dass es hier nicht um das Zuschreiben von Verantwortung oder gar eine Belehrung handelt. Sie möchten zunächst darauf hinweisen, dass Sie eine Veränderung im Umgang miteinander wahrgenommen haben. Diese Veränderung hat sich in einer bestimmten und konkreten Form bei Ihnen persönlich ausgewirkt. Es geht Ihnen also im ersten Schritt um Ihre eigene Gefühlswelt. Da ist für Verallgemeinerungen, Belehrungen und insbesondere Unterstellungen kein Raum. Daher gilt es diese Aspekte außen vor zu lassen. Die Ansprache dreierlei Dinge würde einer weiteren Eskalation sicher Vorschub leisten.

Kontraproduktiv ist auch die Zuweisung einer ganz konkreten Verhaltensweise zu einer Person oder wenn mehrere Akteure involviert sind einer Konfliktkoalition, die damit als ein potenzieller Verursacher und Auslöser mißverstanden werden könnte.

Steigen Sie in die Konfliktansprache mit ICH-Botschaften ein. Zunächst dreht sich alles um Ihre Wahrnehmung. Machen Sie deutlich, dass Ihre Wahrnehmung eine subjektive Sicht auf die Dinge ist und es Ihnen daher enorm wichtig ist, auch die Wahrnehmung Ihrer Umgebung zur Reflexion einzuholen. Sie wollen also Ihre persönlichen Beobachtungen überprüfen und benötigen hierzu die Unterstützung Ihrer Umwelt (Konfliktumwelt).


SAG ES – Sichtweise schildern

Zum Einstieg beschreiben Sie dass, was Ihnen in der nun vorherrschenden Situation wahrgenommen haben. Heben Sie dabei jederzeit deutlich hervor, dass es „nur“ Ihre Beobachtungen sind, die weder Anspruch auf Vollständigkeit haben, noch einer allgemeinen Wahrheit entsprechen müssen. In Konfliktsituationen wird unsere Wahrnehmung je nach Grad unserer emotionalen Betroffenheit verzerrt. Bedenken Sie dies bitte, wenn Sie Ihre ganz persönliche Schilderung der Sichtweise auf die Dinge vortragen.

Aus diesem Grund ist es wesentlich, dass Sie Ihre Botschaft in der ICH-Form kommunizieren. Die Form der ICH-Botschaften kennzeichnet weitgehend die einzelnen Schritte in der SAG ES – Formel. Bis zum E bleiben Sie bitte dauerhaft im ICH-Modus.

Vorschläge zur Formulierung:

„Mir ist aufgefallen, dass …“

„Ich habe beobachtet, dass …“


SAG ES – Auswirkungen beschreiben

Im nächsten Schritt geht es dann darum, dass Sie deutlich machen, wie sich Ihre Wahrnehmung auf Ihre persönliche Realität auswirkt. Es geht dabei also um die Beschreibung der Auswirkungen auf Sie und damit auch auf Ihr Verhalten.

Beachten Sie dabei bitte, dass Sie die Zuweisung der Verantwortung für einzelne Aktionen zu bestimmten Personen im Konfliktkonstrukt vermeiden sollten.

Vorschläge zur Formulierung:

„Als mir bewusst wurde, dass die Vorgabe verbindlich war, dachte ich nur noch an …“

„Für mich bedeutet es, dass …“


SAG ES – Gefühle beschreiben

Nun kommen wir zu dem Teil in der SAG ES – Formel wo Ihre Gefühle im Mittelpunkt der Kommunikation stehen. Vielleicht ein wenig ungewohnt, insbesondere im beruflichen Umfeld über die eigenen Gefühle zu sprechen, doch machen Sie sich noch einmal bewusst, dass Emotionen Konflikte beherrschen. Es sind keinesfalls sachliche Aspekte, weder Fakten noch nackte Tatsachen steuern unser Verhalten in Konflikten, sondern die Gefühle sind die Antriebsfeder für all unsere Handlungen. Daher ist es wesentlich, die eigenen Gefühle in der Konfliktansprache prominent darzustellen. Ihre Gesprächspartner sollen u.a. angeregt werden mit Ihnen zu fühlen, also Empathie zu zeigen.

Nur Mut, über Gefühle offen zu sprechen ist ein Zeichen von wahrer Stärke. Oftmals kann dies bereits ausreichen, um die gesamte Situation zu entschärfen. Machen Sie sich bewusst, dass wir als Menschen soziale Wesen sind, also auch die Konfliktbeteiligten im vorherrschenden Konflikt. Soziale Wesen neigen zu Mitgefühl, dass kann jedoch nur gezeigt werden, wenn die Gefühle des Gegenübers erkannt werden.

Hier ein paar Vorschläge zu möglichen Formulierungen:

„Ich fühle mich dann …“

„In einer solchen Situation kommt bei mir ein Gefühl des … auf und …“

„Gerade damit … kommt bei mir ein Gefühl des … auf.“

„Wenn ich eine solche Situation erlebe, fühle ich dabei oft …“

Finden Sie Ihre eigenen Formulierungen. Wesentlich in einer erfolgreichen Kommunikation ist es, dass Sie authentisch sind und es bleiben. Verstehen Sie meine Formulierungen als Anregungen und Vorschläge, transportieren Sie die Inhalte jedoch grundsätzlich in Ihrer Sprache. Ihre Mitmenschen sollten Sie jederzeit anhand Ihrer verwandten Worte, Formen und Satzkonstruktionen wiederkennen. Eine kopierte Rhetorik ist immer eine schlechte Rhetorik und wird zumindest unbewusst von Ihren Gegenüber als unglaubwürdig empfunden.


SAG ES – Erfragen, wie die anderen es sehen

Erinnern Sie sich?

In der Einleitung haben Sie Ihren Gesprächspartner mitgeteilt, dass Sie Ihre persönlichen Beobachtungen nicht unreflektiert übernehmen wollen. An dieser Stelle der SAG ES – Formel nehmen Sie nun Ihre Gesprächspartner in die Pflicht.

Sie haben ihrerseits ausführlich dargestellt, wie Sie die Situation wahrgenommen haben, welche Auswirkungen diese auf Sie hatte und vor allem welche Gefühle dadurch bei Ihnen aufgekommen sind. Nun holen Sie die Wahrnehmungen Ihrer Gesprächspartner ein. Es geht Ihnen also darum, wie die anderen die Situation einschätzen.

Konzentrieren Sie sich beim Hinhören darauf, welche Sichtweise, Auswirkungen und vor allem Gefühle von Ihrem Gegenüber kommuniziert werden. Überhören Sie bewusst mögliche DU-Botschaften. Ignorieren Sie Schuldzuweisungen, schließlich kann es ja sein, dass Ihre Gesprächspartner diesen BLOG-Beitrag noch nicht gelesen haben. Daher sehen Sie es nach, dass die gewünschten ICH-Botschaften manchmal übersehen werden.

Fragen Sie einfach:

„Wie siehst Du das?“

„Schildere mir doch bitte, wie Du die Situation empfunden hast?“

„Deine Beobachtungen sind mir wichtig, was hast Du wahrgenommen?“


SAG ES – Schlussfolgerungen ziehen

Und das Beste kommt zum Schluss!

Wenn wir bis zu diesem Punkt die SAG ES – Formel angewandt haben, besteht nun die Möglichkeit die ersten Schritt zur Konfliktbearbeitung einzuleiten. Die konstruktive Ansprache des Konflikts ist bereits ein wesentlicher Teil zur bevorstehenden Bearbeitung, die im beten Fall zur Konfliktlösung führt.

In einer gemeinsamen Betrachtung der Situation und unter Berücksichtigung der individuellen Perspektiven ist es nun geboten, daraus Schlussfolgerungen zu ziehen, die in konkreten Handlungsoptionen ausformuliert werden können. Damit liegen Empfehlungen vor, wie sich die Beteiligten weiterhin in der besprochen Konfliktsituationen verhalten könnten. Ihre Umsetzung ist wesentlich für die Konfliktbearbeitung bzw. Lösung.

Selbst wenn nicht alle gemeinsam erarbeiteten Schlussfolgerungen und Optionen in einem Commitment münden, ist auf jeden Fall ein Ziel erreicht:

Allen Gesprächsteilnehmenden ist von diesem Zeitpunkt an bewusst, dass hier eine konfliktgeladene Situation vorherrscht. Eine weitere Eskalation ist also ab jetzt geknüpft an die Aktivitäten, Handlungen und Aussagen der Beteiligten.

Ein „Das habe ich so nicht gemeint.“ oder „Das ist mir ja gar nicht bewusst geworden!“ hat nun keine entschuldigende Wirkung mehr.

Der nächste Konflikt ist sicher schon in der Entstehung, denn Konflikte sind fester Bestandteil unseres täglichen Lebens. Sie gehören einfach dazu und das ist auch gut so. Denn in jedem Konflikt haben wir die Chance mehr über uns und die uns umgebenen Menschen zu erfahren. Wichtig ist dabei immer, dass wir Konflikten nicht ausweichen, sondern Sie ansprechen, bearbeiten und effektiv mit Ihnen umgehen.

Probieren Sie die SAG ES – Formel einfach mal aus!

Ich bin gespannt, welche Erfahrungen Sie damit machen werden.

Ruediger Strohmeyer

Berater und Business Coach, Psychologe aber ohne Sofa, Inhaber von PiA-Consulting

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