Eskalationsstufen: Gemeinsam in den Abgrund?

 

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum so manche gute Beziehung oder Freundschaft an einer eher unbedeutenden Kleinigkeit zerbricht?

Da kennt man sich über Jahre und mit einem Mal, aus heiterem Himmel und völlig unerwartet ist er da, der Konflikt. Die Welt wie wir sie kennen, scheint nicht mehr zu existieren. Alles ist so anders, fühlt sich nicht mehr richtig an – die Welt ist nicht mehr zu verstehen. Wie konnte es überhaupt soweit kommen?

 

Ich möchte Ihnen mit meinem Beitrag einen möglichen Grund für eine derartige Entwicklung vorstellen, nämlich die Eskalation.

Eine immer wieder beobachtbare Natur des Konflikts ist seine Eskalation. Wird eine konfliktbeladene Situation nicht frühzeitig bearbeitet, lässt sich an ihr fast immer ein Muster der Eskalation beobachten.

Nach Fritz Glasl, einem anerkannten Konfliktforscher, finden sich in diesem Muster 9 Eskalationsstufen. Wobei nicht immer jede Stufe mit der gleichen Intensität von den Kontrahenten ausgelebt, bzw. auch mal eine Stufe komplett übersprungen wird.

 

Stufe 1 – Die Verhärtung

Ein Thema sorgt für eine gewisse Unruhe. Die Beteiligten werden sich bewusst, dass man in einer Sache offensichtlich unterschiedliche Ansichten und/oder Meinungen vertritt. Beide Seiten tragen ihre Argumente zunächst sachlich vor, in der Erwartung die Angelegenheit in einem Gespräch lösen zu können.

Wer kennt sie nicht, eine gute Diskussion unter Freunden?

 

Stufe 2 – Die Debatte

Die Vorträge um die jeweiligen Positionen spitzen sich zu. Eine Polarisation im Denken und Fühlen der Beteiligten wird erkennbar. Es kommt mehr und mehr zu einer s/w Sicht, die an Zugänglichkeit für die sachliche Argumentation der Gegenseite verliert.

Hatten Sie schon einmal den Eindruck, dass Ihnen Ihr Gegenüber in einer Diskussion einfach nicht richtig zuhören will? Sie haben es immer und immer wieder klipp und klar erklärt. Trotz ihrer „logischen Argumentation“ und Ihren Beispielen, scheint Ihr Gesprächspartner nicht verstehen zu wollen.

 

Stufe 3 – Die Taten

Die Verweigerung der gegnerischen Partei, sich einer „sachlichen“ Auseinandersetzung mit  Worten zu stellen, ist offensichtlich. Folglich müssen nun Taten für sich sprechen. Die Konfliktbeteiligten beziehen nun eine klare Rolle und entfernen sich von der verbalen Auseinandersetzung. Zunächst ist oftmals eine non-verbale Fortführung erkennbar. Man geht sich aus dem Weg und spricht, wenn überhaupt, nur noch über Dritte „miteinander“.

 

Stufe 4 – Die Koalitionen

Mehr und mehr geht es darum aus dieser Auseinandersetzung als Sieger hervorzugehen. Der ursprüngliche Auslöser verliert an Bedeutung. In einer Schlacht fühlt man sich sicherer, wenn es an der eigenen Seite Verbündete gibt. Daher buhlen die gegnerischen Parteien, um die Zustimmung und Unterstützung von Dritten.

Personen werden instrumentalisiert.

Gerüchte werden gestreut, um den vermeintlichen Unterstützer deutlich zu machen, wer hier Schuld an der Misere trägt. Es werden Personen aus dem gemeinsamen persönlichen Umfeld, sei es aus der Familie oder im beruflichen Kontext aus der Abteilung „rekrutiert“.

 

Stufe 5 – Der Gesichtsverlust

„Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich!“ – Ab jetzt ist das die Parole für die scheinbar unausweichlich bevorstehende Schlacht. Neutralität kann nicht akzeptiert werden, wer sich so verhält ist auszuschließen. Jeder sollte wissen, wo sein Platz ist.

Die Gegner werden bei jeder sich ergebenen Möglichkeit beleidigt und bloßgestellt.

Es erfolgt eine Entmenschlichung der Anhänger der gegnerischen Partei, die bis hin zum Empfinden von Ekel reichen kann. Man fragt sich, wie man es bislang so lange mit solchen Menschen aushalten konnte.

 

Stufe 6 – Die Drohungen

Wenn die inszenierten Aktionen nicht mehr ausreichen, kommt es zu eindeutigen Drohgebärden. Oftmals wird ein Ultimatum ausgesprochen, über dessen Konsequenzen sich die Beteiligten während der Aussage nicht in vollem Maß bewusst sind.

 

Stufe 7 – Die begrenzten Vernichtungsschläge

Zeigt sich der Gegner auch davon unbeeindruckt, ist es an der Zeit für begrenzte Vernichtungsschläge. Oftmals richten sich diese Angriffe gegen das Inventar des Gegners.

In einem Konflikt zwischen Ehepartner kann dies zum Beispiel bedeuten, dass dem Partner der Zugang zu den gemeinsamen Kindern erschwert oder nach einer Trennung bewusst unmöglich gemacht wird. Dabei kann ein Wohnortwechsel schon völlig ausreichen. Selbstverständlich immer gut begründet, um die freundliche Fassade zu erhalten.

Oftmals stellt sich dann die Partei auch noch als Opfer der widrigen Umstände dar. So will man ja gar nicht Umziehen, doch ein neuer Job oder die Unterstützung der Großeltern bei der Betreuung der Kinder, zwingt einen förmlich dazu.

 

Stufe 8 – Die Offensive gegen das gegnerische System

Zeigt auch das keine Wirkung, muss dass gesamte System des feindlichen Lagers ins Visier genommen werden. In Stufe 8 werden auch die Unterstützer des Gegners offen angegriffen. Es geht dabei um die Schwächung der „Infrastruktur“.

Das liest sich jetzt ziemlich militärisch und irgendwie ist es das auch. Vielleicht kommt es Ihnen bekannt vor, da streitet man sich um die richtige Form der Erziehung der eigenen Kinder und prompt mischen sich Dritte, wie zum Beispiel die Schwiegereltern, in den Konflikt ein. Nun kämpft man nicht nur an einer einzigen Front, sondern gleich an mehreren Schauplätzen. Die Koalition muss in breiter Front bekämpft werden. Also schaut man in die Vergangenheit, was die Entscheidungen der Schwiegereltern früher bereits für Folgen hatten. Und nun ist Ihre Stunden gekommen. Sie schlagen zurück!

„Nur weil Ihr Euren Kindern damals nicht die Möglichkeit zum Besuch der Universität ermöglichen konntet, weil Ihr lieber Euer kleines Eigenheim mit Garten wolltet, müsst Ihr Euch jetzt hier nicht einmischen und meinen Kindern auch noch die Zukunft verbauen. Mir ist im Gegensatz zu Euch die Zukunft meiner Kinder wichtig und ich möchte nicht, dass sie später in der Arbeitslosigkeit enden wie Euer Sohn Rudi!“

 

Stufe 9 – Die gegenseitige Zerstörung bis zum gemeinsamen Untergang

Alle Bemühungen waren offensichtlich umsonst. Nun ist es Zeit für eine totale Konfrontation, denn es gibt keinen Weg zurück. Die Vernichtung des Gegners muss erzwungen werden. Selbst dann, wenn die eigene Existenz bedroht wird und der eigene Untergang offensichtlich ist.

Kennen Sie das? Da hat man am Arbeitsplatz mit einem Kunden zu tun mit dem die Chemie einfach nicht stimmt. Und wenn es dann zu einem unbearbeiteten Konflikt kommt, kann die Eskalation auch mal richtig wild werden. Zu unserem Glück eskalieren Konflikte nicht so häufig, doch wenn es passiert, sind die Folgen oftmals tragisch.

Vielleicht kennen Sie ja Jemanden, der schon einmal einen wichtigen und einflussreichen Kunden derart angegangen ist, dass dieser die Geschäftsbeziehung beendet hat. Im Eifer des Gefechts oder auch am Ende der Eskalation des Konflikts fallen dann Worte wie:

„Wissen Sie was lieber Kunde, ich muss mir auch von Ihnen nicht Alles bieten lassen. Sie sind nicht so wichtig, wie Sie glauben. Unsere Firma kann problemlos auf Sie verzichten. Gehen Sie doch zur Konkurrenz, wenn Sie das glücklich macht. Ihnen habe ich Nichts mehr zu sagen und mein Chef ist da der gleichen Meinung.“ und bevor der Hörer ohne Verabschiedung aufgelegt wird, folgen noch die Worte:

„Sie Arsc…“

Allerdings ist diese Eskalation nicht ganz so problemlos wie es im Telefonat zuvor behauptet wurde, denn die Führungskraft sieht das ganz anders. Der Chef will auf gar keinen Fall auf einen wichtigen und umsatzstarken Kunden verzichten. Im Zweifelsfall kann die Firma eher auf einen „miesen“ Mitarbeiter verzichten.

Und im Ergebnis verlieren alle Beteiligten. Auf Kundenseite wird die Geschäftsbeziehung beendet, da  man sich eine derartige Art und Weise im Umgang einfach nicht bieten lassen kann und will. Selbst dann nicht, wenn dadurch eine Lieferquelle verloren geht, die hervorragende Konditionen geboten hat.

Und auf der Unternehmensseite kann es zu einer fristlosen Kündigung führen.

 

 

Sowas kommt zwar sehr selten vor, doch wer will das schon persönlich erleben?

Was meinen Sie?

Welche Stufen haben Sie bereits selber erlebt oder beobachtet?

Ist es da nicht sinnvoller die Eskalation zu vermeiden und einen Konflikt frühzeitig zu bearbeiten?

 

Viele Grüße

Ihr PiA-Team

Ruediger Strohmeyer

Berater und Business Coach, Psychologe aber ohne Sofa, Inhaber von PiA-Consulting

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